Automatic Cinema ist kein künstlich intelligentes Projekt. Es ist eine Software, ein Hilfsmittel zur Dynamisierung von bisher sehr statischen Prozessen. Die Verschlagwortung und Speicherung von Mediendaten ist aufwändig, denn zur Berechnung einer möglichen Narration sind viele Parameter notwendig. Automatic Cinema befolgt viele Regeln, denn wie jede Sprache ist auch Filmsprache zunächst einer Grammatik folgend. An dem Punkt, wo menschliche Intuition einsetzt, wo die Kunst des Schnitts beginnt, ist eine Maschine ratlos. Als Ersatz drängt sich dann doch wieder der kontrollierbare Zufall auf, in der Hoffnung, dass die menschliche Assoziationskraft mehr lesen kann, als geschrieben steht.
Erfassungstool
Auf der Webseite http://input.automatic-cinema.com ist das bereits fertig programmierte Datenerfassungstool abrufbar. Anforderung an die Entwicklung waren hauptsächlich:
- Multi-User-Fähigkeit: Mehrere Benutzer können gleichzeitig mit unterschiedlichen Berechtigungen Daten bearbeiten. Es ist durchaus denkbar, Automatic Cinema für Drittpersonen zu öffnen um eine kollaborative Filmdatenbank zu erstellen.
- Einfache, schnelle Bedienbarkeit. Für Automatic Cinema müssen viele Dateien verarbeitet werden.
- Das bedingt auch, dass Daten nicht nur neu erfasst, sondern vorhandene auch geklont werden können, um ähnliche Videoclips schneller zu erfassen.
- Spezielle Form einer Verschlagwortung, das sogenannte dreidimensionale Cloud-Tagging. Auf dem Internet ist dazu ein kurzer abrufbar (http://automatic-cinema.com/6/34), der das Verfahren illustriert: Stichwörter werden einem Clip nicht bloss zugewiesen, sondern vielmehr in eine zweidimensionale Matrix gezogen, die sich zusätzlich über eine dritte Dimension, der Zeit, verändern lässt. Daraus kann der Computer nicht nur Veränderungen im Laufe der Zeit berechnen, sondern auch Tendenzen, Ähnlichkeiten und Gegensätze zwischen Begriffen ableiten.
Zur Bedienung des Erfassungstools sind online zwei Filme verfügbar. Sie erklären die wichtigsten Abläufe genauer:
- Rohmaterial speichern (http://automatic-cinema.com/6/31) ist der wichtigste Teil der Datenerfassung. Jede einzelne Einstellung, jedes Medium, jede Textstelle muss im System verschlagwortet sein. Je genauer die Schlagworte einer Systematik folgen, desto besser kann die Maschine Zusammenhänge und kausallogische Verknüpfungen berechnen.
- Kanäle, Akte, Erzählung und Regeln (http://automatic-cinema.com/6/32) sind Bezeichnungen weiterer Datentabellen. Es handelt sich dabei um Informationen, wie eine Geschichte berechnet werden soll. Die Logik von Automatic Cinema folgt dem strengen Prinzip, die Erzählform vom Material zu trennen. Nur so ist es möglich, mit dem gleichen Material immer wieder neue Erzählexperimente durchzuführen. Mehr zum Aufbau der Datenbank folgt im nächsten Abschnitt.
Datenbank
Die Datenbank, zentrales Speicherorgan von Automatic Cinema, besteht in der endgültigen Fassung aus sechs Tabellen, wobei die Zieltabelle nur der Vollständigkeit halber aufgeführt ist. Ziele in der Datenbank sollen nicht gespeichert, sondern interaktiv definiert werden. Ich verzichte in der folgenden Auflistung deshalb auf eine Erklärung dieser Tabelle.
- Material: Die Materialtabelle beinhaltet das gesamte Material einer Show. Automatic Cinema definiert Shows als übergeordnete Kategorie, es soll möglich sein, mehrere Filmprojekte zu speichern, und dynamisch zwischen den Projekten/Aufführungen wechseln zu können. Nebst der eigentlichen Datenspeicherung besteht ein Eintrag aus inhaltlichen und formalen Kodierungen.
- Regeln: Eng an die Materialtabelle ist die Regeltabelle angegliedert. Regeln dienen dazu, dass spezifisch filmsprachliche Übereinkünfte eingehalten werden. Automatic Cinema vereint in der Materialdatenbank mehrere Kanäle, Regeln sind deshalb kanalorientiert und funktionieren als einfache kausale Verkettungen. Wenn im Material ein Wert X eintrifft, soll (nicht) Y darauf folgen.
- Kanäle: Video umfasst im eigentlichen Sinn meistens zwei Kanäle: Bild und Ton. Zusätzlich zu dieser doppelten Form gibt es weitere: Beispielsweise der Voice Over, Musik oder eingeblendete Texte. Damit Automatic Cinema erfolgreich mit mehreren Kanälen umgehen kann, muss das Material (s. oben) eine entsprechende Zuordnung haben.
- Handlungen: Die zentrale Handlungsdatenbank definiert wie schnell, wie komplex, wie kontinuierlich (im inhaltlichen, emotionalen wie ästhetischen Sinn) eine Narration verläuft. Wie Kanäle verwendet werden, wie logisch die Argumentation sein soll und wie die zeitliche Abfolge in Akten geschehen soll. Die Tabelle "Handlungen" ist deshalb mit den Tabellen "Akte" und "Kanäle" verknüpft.
- Akte: Handlung über Zeit, Gliederung der Narration bis zum erreichen des Ziels. Positionierung von Wendepunkten. Die Akttabelle skizziert einen Handlungsablauf
Die Skizze beschreibt alle Felder, Tabellen und Verknüpfungen. Ein Ziel (rot markiertes Feld) ist definiert durch die Wahl eines Materials und einer Handlung. Die Kriterien der Handlung werden zusätzlich definiert durch die Abfolge der Akte. Die Tabelle der Kanäle ist sowohl der Handlung (wie werden Kanäle verwendet?) wie auch dem Material (zu welchem Kanal ist das Material zugehörig?) zugeordnet. Regeln funktionieren unabhängig von der Handlung und beziehen sich nur auf das Material. Damit ist es möglich, für eine Inszenierung globale Richtlinien zu erstellen, die unabhängig vom Erzählstil wirken.
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