Die Berechnung der Narration ist ein komplexer Vorgang und wird deshalb hier nicht en détail beschrieben. Eine stets wachsende Dokumentation ist aber auf der Webseite von Automatic Cinema (http://automatic-cinema.com/4) und der automatischen Dokumentation der PHP-Klassen (http://input.automatic-cinema.com/tmp/doc) einzusehen.
Vergleichsdimensionen
Die Struktur der Datenbank lässt verschiedene Quervergleiche zu. Die Stilvorlage beschreibt Regeln, die für die Dauer einer ganzen Narration gültig sind. Akte definieren Wertveränderungen innerhalb einer Narration und sind verantwortlich für die Entwicklung einer Dramaturgie. Regeln funktionieren nachbarschaftlich zwischen einzelnen Mediendateien. Diese Dreiteilung gilt für jeden Kanal einer Inszenierung, wobei Kanäle wechselseitig in einem definierten Verhältnis stehen (Feld Kanalverwendung in der Stiltabelle).
Aus diesen Vergleichsdimensionen berechnet der Server die Inszenierung: Ziel ist eine Matrix von Daten, die für jeden Kanal die Materialien, die Start- und Endpunkte und die jeweiligen Übergangswerte zwischen den Materialien speichert. Diese Matrix könnte mit einer Timeline einer Videoschnittsoftware visuell verglichen werden.
Narrationsalgorithmus
Der Algorithmus zur Materialsuche ist in der Abbildung[fig:Timeline-Berechnung] skizziert. Er funktioniert als grosse Schlaufe, die jedes vorhandene Material durchläuft, das am besten passende wählt, der Timeline hinzufügt und erst dann abbricht, wenn alle Kanäle über die komplette Zeitdauer hinweg mit Materialien versorgt sind. Die Frage stellt sich nun, welches Material am besten passt. Dazu werden die bereits beschriebenen Vergleichsdimensionen in einzelne Funktionen aufgeteilt und der Reihe nach durchlaufen. Im Einzelnen bedeutet dies folgendes:
- Vorbereitung: Das Konzept von Automatic Cinema sieht vor, dass zu Beginn einer Narration ein "roter Faden" vom Zielmaterial abgeleitet wird. Im Sinne von Eisenstein könnte man hier von einem grundlegenden Sujet sprechen, das sich über einen Zeitraum hinweg zur Fabula aufbaut. Der sogenannte protagonistische Wert basiert auf den am stärksten ausgeprägten Eigenschaften des Zielmaterials. Je nach Komplexität einer Narration werden als Konterparts antagonistische Werte abgeleitet. Es ist Ziel einer Narration, zwischen Protagonist und möglichen Antagonisten ein Spannungsfeld aufzubauen. Antagonisten sind jeweils den Protagonisten ähnlich, einem ähnlichen Oberbegriff zugeordnet, aber unterschiedlich im Detail und vor allem unterschiedlich positiv bzw. negativ konnotiert. Ob zwischen Protagonist und Antagonist gewechselt wird, liegt am Zeitpunkt und der Akteinstellung. Wechsel finden eher zu Beginn und Ende eines Aktes statt, in Momenten, an denen die Situation weniger dramatisch und der Wendepunktcharakter besonders stark ist.
- Schlaufe: In einem weiteren Schritt wird eine Narration rückwärts, Kanal für Kanal berechnet. Jedes zur Verfügung stehende Material wird gemäss der Stilvorlage auf unterschiedliche Kriterien hin geprüft. Passt es zum Nachbar auf der Zeitachse, passt es zur Vorgabe des Aktes bzw. zum Material auf einem anderen Kanal zu einem spezifischen Zeitpunkt? Je nach Konfiguration kann ein mehr oder weniger starker Zufallsfaktor Entscheidungen mitprägen. Bei der Berechnung von Narrationen gilt: je ausgeklügelter die Materialien verschlagwortet sind, desto eher gelingt es dem Algorithmus, einen sinnvollen Nachbar zu finden. Matching bedeutet soviel wie Übereinstimmung, und Automatic Cinema betreibt eine Übereinstimmungsberechnung auf mehreren Ebenen. Die folgenden Funktion werden im Matching-Algorithmus zentral aufgerufen und liefern als Rückgabewert einen prozentualen Übereinstimmungsfaktor zurück:
- _timeline_protagonist_antagonist: Berechnet die inhaltliche Ähnlichkeit eines Materials mit den Vorgaben des aktuellen Protagonisten bzw. Antagonisten. Wie stark ist die Übereinstimmung der Subjekt-, Objekt- und Handlungs-Tag-Cloud eines Materials mit den beispielhaften Werten des "roten Fadens"?
- _timelinescores_style: Vergleicht das aktuelle Material und dessen Nachbar unter Verwendung formaler Stilvorgaben auf Kontinuität. Fordert eine Stilvorlage beispielsweise eine starke Kontinuität in räumlicher Hinsicht, wird eher ein Material verwendet, welches den gleichen räumlichen Überbegriff aufweist. Stimmt dazu noch der spezifische Begriff, nimmt der Algorithmus eine noch grössere Ähnlichkeit an. Zudem werden nachbarschaftliche Materialien auf ihre kausallogische Ähnlichkeit untersucht. Agiert das gleiche Subjekt mit einer ähnlichen Handlungähnlich im Sinne eines gleichen Überbegriffesist jedoch der Ausgang der Handlung unterschiedlich konnotiert, nimmt der Algorithmus an, dass die beiden Materialien in einem logischen Zusammenhang stehen. Dieser vereinfachte, von Steven Toulmins Argumentationsmodell inspirierte Algorithmus wird auch bei der logischen Verknüpfung einzelner Kanäle (vgl. _timelinescores_channel) verwendet.
- _timelinescores_act: Berechnet die emotionale Ähnlichkeit des Materials mit den Werten der Akt-Einstellung zu einem gegebenen Zeitpunkt. Die Steigerung der Spannung bzw. der Emotionen wird aus der emotionalen Differenz zwischen handelndem Subjekt und dem "be"-handeltem Objekt berechnet. Wird das Spannungsfeld polarisierter, geht der Algorithmus von einer emotionalen Verstärkung aus.
- _timelinescores_microrules: Wendet die stil-unabhängigen Regelsets auf das aktuelle Material und den Nachbar an.
- _timelinescores_channel: Vergleicht das Material mit der Kanalvorgabe. Sogenannte Nebenkanäle (Kanäle, die nicht das Zielmaterial beinhalten), orientieren sich in ihrer logischen Orientierung am Hauptkanal.
- _timelinescore_bestmatch: Wertet alle bisherigen Messdaten aus schliesst auf das Material mit der höchsten Übereinstimmung.
- _timeline_punchholes: Ein Kanal muss nicht unbedingt nahtlos mit Material gefüllt sein, dies kann in der Stilvorlage unter Kanalverwendung angepasst werden. Diese Funktion retourniert deshalb die Länge eines Zeitsprungs bis zum nächsten Material auf der Zeitachse.
- _timeline_protagonist_antagonist: Berechnet die inhaltliche Ähnlichkeit eines Materials mit den Vorgaben des aktuellen Protagonisten bzw. Antagonisten. Wie stark ist die Übereinstimmung der Subjekt-, Objekt- und Handlungs-Tag-Cloud eines Materials mit den beispielhaften Werten des "roten Fadens"?
- Nachbearbeitung: Am Ende wird die gesamte Timeline einer Überarbeitung unterzogen. Weichen gewisse Materialien auf unterschiedlichen Kanälen bezüglich des Start- und Endpunktes nur unwesentlich voneinander ab, werden die Zeiten angepasst um eine verstärkte Synchronität zu erreichen. Liegen sie weiter als ein bestimmtes Limit auseinander, wird die Differenz belassen.
Downloads:
— Narrationsraum (PDF)
— Timeline (PDF)
— Narrationsalgorithmus (PDF)

